Ein historischer Moment in der Urologie: Am Ronald Reagan UCLA Medical Center in Los Angeles wurde im Mai 2025 zum ersten Mal weltweit eine menschliche Blase erfolgreich transplantiert. Beim AUA-Jahreskongress 2026 in Washington DC stellten die beteiligten Chirurgen jetzt die ersten Langzeit-Ergebnisse und die Pläne für eine erweiterte klinische Studie vor. Für Patienten mit „terminalen" Blasen — also irreparabel geschädigten Harnblasen ohne funktionierende Alternative — könnte sich damit eine völlig neue Therapieoption eröffnen.
Die Operation: Acht Stunden, zwei Organe gleichzeitig
Die Operation wurde am 4. Mai 2025 in einer Kooperation zwischen UCLA Health und Keck Medicine of USC durchgeführt. Geleitet wurde der Eingriff von Dr. Nima Nassiri, urologischer Transplantationschirurg und Direktor des Vascularized Composite Bladder Allograft Transplant Program an der UCLA, gemeinsam mit Dr. Inderbir Gill, Gründungsdirektor des USC Institute of Urology. Beide Chirurgen hatten ihre Technik über vier Jahre hinweg in Laborversuchen sowie in mehreren Übungsoperationen an verstorbenen Spendern entwickelt, darunter erstmals auch roboterassistierte Blasenentnahmen und -implantationen.
Der Patient, ein 41-jähriger vierfacher Vater namens Oscar Larrainzar, hatte im Verlauf einer Tumoroperation den größten Teil seiner Blase verloren. Anschließend mussten ihm beide Nieren wegen eines Nierenzellkarzinoms bei vorbestehender chronischer Niereninsuffizienz entfernt werden. Sieben Jahre lang war er auf Dialyse angewiesen. Die acht Stunden dauernde Operation umfasste sowohl eine Nierentransplantation als auch die Blasentransplantation. Beide Organe stammten vom selben Spender, beide Anastomosen — Gefäßverbindungen wie auch die Verbindung zwischen Niere und neuer Blase — wurden in einer einzigen Sitzung hergestellt.
Die Ergebnisse: sofortige Funktion ohne Dialyse
Die Ergebnisse waren bereits intraoperativ überzeugend. „Die Niere produzierte sofort große Mengen Urin, und die Nierenfunktion verbesserte sich umgehend", berichtete Dr. Nassiri. Bereits am Operationstag war keine Dialyse mehr notwendig. Der Urin lief problemlos über die transplantierte Blase ab. In den ersten Wochen nach dem Eingriff zeigte die Blase normale Speicher- und Entleerungsfunktion. Auch die intensive immunsuppressive Therapie zur Verhinderung einer Abstoßung wurde gut vertragen.
Beim AUA 2026 berichteten die Chirurgen über den weiteren Verlauf des ersten Patienten sowie über zwei weitere Eingriffe, die in der Zwischenzeit ebenfalls erfolgreich durchgeführt wurden. Die Funktionalität der transplantierten Blasen, die Immunreaktion und die Lebensqualität der Patienten werden in einer fortlaufenden klinischen Studie systematisch untersucht. Die Studie wird voraussichtlich 2028 abgeschlossen sein und soll insgesamt fünf bis zehn Patienten einschließen.
Für welche Patienten kommt die Transplantation infrage?
Eine Blasentransplantation ist kein Eingriff für die breite Masse der Patienten mit Blasenproblemen. Sie ist gedacht für Menschen mit einer „terminalen" Blase — also einer irreversibel geschädigten, schmerzhaften oder nicht-funktionierenden Blase, bei der herkömmliche Verfahren wie die Anlage einer
Neoblase aus Darmgewebe oder eines
Ileum-Conduits nicht möglich oder nicht ausreichend sind.
Bisherige Standardverfahren nach
radikaler Zystektomie haben jeweils ihre Schwächen. Die Neoblase erfordert ein intensives Training und kann mit Inkontinenz oder Nierenfunktionsstörungen verbunden sein. Das Ileum-Conduit bedeutet ein lebenslanges Stoma mit Beutel. Die Transplantation einer echten Blase könnte für ausgewählte Patienten eine deutlich physiologischere Lösung darstellen — vorausgesetzt, die Risiken der lebenslangen Immunsuppression sind beherrschbar und gegen den erwarteten Nutzen aufzuwiegen.
Voraussichtlich werden weiterhin nur sehr selektierte Patienten infrage kommen: Menschen, die ohnehin bereits ein anderes Organ transplantiert bekommen oder bekommen müssen — etwa eine Niere wie im ersten Fall — und damit ohnehin immunsuppressiv behandelt werden. Bei diesen Patienten entfällt das zusätzliche Risiko, allein für die Blase Immunsuppressiva einnehmen zu müssen.
Was die Premiere für die Urologie bedeutet
Die erfolgreiche Blasentransplantation markiert eine konzeptionelle Wende in der Urologie. Sie zeigt, dass auch dieses anatomisch komplexe Organ mit seinem dichten Gefäß- und Nervennetzwerk übertragen werden kann. Für die Zukunft eröffnet sie ein neues Forschungsfeld: Wie können Abstoßungsreaktionen besser kontrolliert werden? Welche Patientengruppen profitieren am meisten? Wie kann die Blase ohne gleichzeitige Nierentransplantation transplantiert werden? Und langfristig: Ist eine Transplantation auch für funktionelle Blasenerkrankungen wie schwere interstitielle Zystitis oder neurogene Blasenstörungen denkbar?
In Deutschland gibt es bislang keine etablierten Programme für Blasentransplantationen. Ob und wann das Verfahren auch hier verfügbar sein wird, hängt von den weiteren US-amerikanischen Studienergebnissen ab. Patienten mit fortgeschrittenen Blasenerkrankungen sollten sich heute weiterhin an die etablierten Standardverfahren halten — die transplantationsfreien Alternativen Neoblase und Conduit bleiben für die allermeisten Betroffenen die richtige Wahl. Die UCLA/USC-Premiere ist dennoch ein Meilenstein, der zeigt, in welche Richtung sich die Urochirurgie der nächsten Jahre entwickeln könnte.
Quellen
- University of California, Los Angeles. (2025). World's first human bladder transplant performed at UCLA. UCLA Newsroom, 18. Mai 2025.
- Nassiri, N., Gill, I. S., et al. (2026). First-in-Human Vascularized Composite Bladder Allotransplantation: Surgical Technique and 12-Month Follow-up. AUA Annual Meeting, Washington DC, 15.–18. Mai 2026.
- Keck Medicine of USC. (2025). USC, UCLA team up for the world's first-in-human bladder transplant. News Release, 18. Mai 2025.
- Urology Times. (2026). Urologic surgeons successfully complete world's first bladder transplant: Long-term follow-up data. Mai 2026.
- ClinicalTrials.gov. UCLA Vascularized Composite Bladder Allotransplant Clinical Trial (Geschätzter Abschluss 2028).